Ich kann die Auschwitzscheiße nicht mehr hören…

[Wie Autonome Antinationalisten den Schlussstrich unter die deutsche Geschichte ziehen wollen]

Als vor zwanzig Jahren wieder zusammenwuchs, was zusammengehörte und sich die Deutschen der letzten verhassten Erinnerungen an die Schmach des verlorenen Krieges endlich entledigen konnten – die Mauer fiel, der Russ‘ und Ami gingen heim –, begaben sich die Deutschen auf die Straßen um zu feiern, erst das einig‘ Vaterland, dann sich selbst – man war ja jetzt auch Weltmeister –, um schließlich im ganzen Land und insbesondere in den immer hässlicher blühenden Landschaften Undeutsches zu jagen. Der johlende Volksmob vor den brennenden Asylbewerber_innenheimen von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, die flächendeckend sich ausbreitenden »national befreiten Zonen« und No-Go-Areas für Menschen nicht-arischen Aussehens und die immer offenere Artikulation rassistischer und antisemitischer Meinungen zeigten schlaglichtartig, welche Abgründe sich hinter der biederen Fassade Nachkriegsdeutschlands auftaten. Zumindest dem klügeren Teil der deutschen Linken blieb die unbequeme Tatsache nicht verborgen, dass das »einfache Volk«, das lange Zeit als Hoffnungsträger für revolutionäre Träume gehandelt wurde, auf der anderen Seite der Barrikade steht und eine auf Emanzipation gerichtete Politik die deutsche Bevölkerung nicht zur Verbündeten hat, sondern notwendig gegen die Mehrheit in diesem Land gerichtet sein muss. Auch Antifaschismus hieß nun nicht mehr einfach, den Kampf gegen isolierte Nazistrukturen zu führen, sondern sich bewusst zu machen, welche gesellschaftlichen Verhältnisse es den Nazis ermöglichen, sich in der deutschen Mehrheitsbevölkerung immer öfter wie die Fische im Wasser bewegen zu können und mancherorts als ausführendes Organ und zur klammheimlichen Freude einer stillschweigenden Mehrheit die ungeliebten Nicht-Deutschen zu drangsalieren und einzuschüchtern.


Mit der Erkenntnis, dass emanzipatorische Politik sich in diesem Land gegen dieses Land und seine Bewohner_innen richten muss, verband sich eine immer stärkere Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte: Deutschland ist nicht ein Land unter vielen, sondern der Ort, an dem das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte stattfand. Die Deutschen – und nicht etwa die Französ_innen, Russ_innen, Brit_innen oder Amerikaner_innen – waren es, die die systematische Ausrottung der europäischen Jüdinnen und Juden akribisch planten und noch bis in die letzten Tage des Krieges fortsetzten. Die übergroße Mehrheit der Deutschen bejubelte frenetisch Hitler, beteiligte sich an den grausamsten Kriegsverbrechen oder billigte sie. Es ging ja schließlich um die Erlangung der Weltherrschaft, um den Aufbau des »Tausendjährigen Reiches«. Man denunzierte ohne Scham die jüdischen Nachbar_innen, bereicherte sich an ihrem Eigentum und tat nichts, um ihren Transport in den sicheren Tod der Vernichtungslager von Treblinka, Belzec, Auschwitz und Sobibor zu verhindern. Akribisch versuchten die Deutschen, gründlich wie sie sind, jede Jüdin und jeden Juden noch im letzten Winkel Europas aufzuspüren und erschossen, erschlugen, verbrannten und vergasten alle, derer sie habhaft werden konnten. Diese Vernichtungstat folgte keinem ökonomischen Kalkül, keiner bis dahin bekannten politischen Vernunft; es war der unbedingte Wille zur »Ausmerzung der jüdischen Untermenschen«, wie es hieß, es war der dialektische Umschlag der Aufklärung in die Barbarei, der ultimative Zivilisationsbruch.

Am Ende der deutschen Vernichtungstat stand keine Reue, der sechsmillionenfache Mord blieb weitgehend ungesühnt und die deutschen Herrenmenschen hatten sowieso von nichts gewusst und nicht bemerkt, was sich unter ihren Augen zutrug – so einfach war das. Es sollte endlich Schluss sein mit diesen ewigen Vorhaltungen, hieß es schon in den fünfziger Jahren, als die Täter und Täterinnen wieder ihre Karrieren ungebrochen fortsetzen durften. Und auch in späteren Jahren – die meisten Nazis lebten immer noch – fügte sich Schlussstrich an Schlussstrich, Vergessen an Verdrängen. Was hatten wir denn schließlich noch mit den Nazis zu tun, fragten sich die Deutschen, das war doch nun schon tausend Jahre her. Die sich seit Mitte der neunziger Jahre als »antideutsch« labelnde Strömung der Linken hatte es sich nun zur Aufgabe gemacht, diese ungebrochen weiterwirkende kollektive Verdrängungsleistung zu stören und der Frage nachzugehen, ob sich nach ’45 wirklich alles mit einem Schlage geändert hatte und Auschwitz nur ein sich niemals wiederholender Betriebsunfall der Geschichte war, oder ob der Geist des Nationalsozialismus hinter dem Verdrängten, nicht offen Artikulierten, weiterwirkte. Es hieß deshalb jetzt: »Deutschland denken heißt Auschwitz denken« und Adornos kategorischen Imperativ, alles Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz sich niemals wiederhole, umzusetzen.

Zweifellos trug auch die antideutsche Strömung merkwürdige Blüten. »So wurde es beispielsweise insbesondere nach 9/11 Mode, alle Hoffnung in die USA als einzige Macht, die objektiv für diese Bestandssicherung [des Liberalismus, Anm. der Verfasser_innen] eintritt und gegen den islamischen Faschismus zu Felde ziehen kann, zu legen« (Mario Möller: »Überholen ohne einzuholen. Gemeinsamkeiten von deutscher Ideologie und (politischem) Islam«; CEEIEH 91). Diese blinde Begeisterung für einen Staat, der letztlich auch nur seine eigenen Interessen wahrnimmt und keineswegs selbstlos die Emanzipation auf der ganzen Welt erkämpft, erscheint zu Recht auf den ersten Blick sonderbar. Ähnlich merkwürdig wirkt manchmal ein Israel-Fantum einiger Jung-Antideutscher, die morgens ihren Kaffee nur noch aus dem Israelbecher trinken, um dann mit einem koscheren Frühstück in den Tag zu starten (siehe dazu auch »Dialektik des Abschieds«, in: sinistra! 2004). Doch all diese Positionen lassen die boshafte Deutschtümelei vermissen, welche die Frankfurter Autonome Antifa [f] in ihrem neuen Text »Gegen Deutschland helfen keine Gedichte« auslebt.

In dieser sich »revolutionär« und»auf der Höhe der Zeit« dünkenden Gruppe ist man sich mit Mami, Papi, Opi (Eisernes Kreuz mit Eichenlaub) und Omi (Mutterkreuz) einig, dass es mit dem endlosen Rumbohren in der deutschen Geschichte doch endlich mal gut sein müsse: »So will die antideutsche Linke diesem Staat immer noch mit Verweis auf die besonderen Verbrechen seiner Geschichte an den Kragen und flaggt wohl auch im Saarland und in Leipzig wieder Israel, bzw. Alliiertenfahnen aus dem Zweiten Weltkrieg als Zeichen ihrer ›kompromisslosen Ablehnung‹ Deutschlands«, heißt es bei den Frankfurter »Antifaschist_innen«, die mittlerweile kaum noch wissen dürften, warum sie sich so titulieren, ist es doch ihrer Meinung nach so, dass es viel Wichtigeres gibt und »eine ›Kritik‹ von Staat und Nation, die ihre Kraft nur aus den selbsteingestandenen Skandalen bezieht (z.B. rassistischer und antisemitischer Gewalt), […] offenbar wenig taugt.« Denn Rassismus und Antisemitismus sind – das hat man vom federführenden Gegenstandpunkt im Um’s-Ganze-Bündnis gelernt –, so wie der Sexismus ja schließlich auch, vernachlässigbare Nebenwidersprüche, die vor dem wirklich Wichtigen, also dem Kampf gegen »Staat und Kapital«, bzw. dem »Gewaltmonopolisten und der Weltmarktkonkurrenz« nur ablenken. Die Einsicht, dass Deutschland mit seiner Geschichte des millionenfachen Massenmordes keine Nation wie jede andere sein kann und nie sein können wird, begegnet man mit plattesten ökonomistischen Formeln aus dem Baukasten des Arbeitermarxismus. So als hätte es den, sich jedweder einfachen Ableitung aus irgendwelchen »Dynamiken kapitalistischer Entwicklung« entziehenden, nationalsozialistischen Massenmord (im relativierenden Jargon der Antifa [f]: »vergangene nationale Untaten« genannt) nie gegeben, schwafelt man, sichtlich fasziniert von der sich vermeintlich bruchlos Bahn brechenden Rationalität der kapitalistischen Entwicklung, dass »die Dynamik kapitalistischer Entwicklung über die moralische Empörung gegenüber den vergangenen nationalen Untaten samt ihrer nationalistischen Deutungen« hinwegfahre »wie ein Bus«.

»Wie ein Bus« fährt indes auch die, jegliche Debatte der letzten vierzig Jahre in einer intellektuell durch nichts begründeten Arroganz ignorierende, Antifa [f] über die theoretische Beschäftigung mit der besonderen Rolle Deutschlands hinweg, um die Erkenntnis der Singularität von Auschwitz zu revidieren und ihre geschichtsrevisionistischen Vorstellungen ungefiltert herauszuposaunen. Kontrafaktisch wird unter der skandalösen Überschrift »Die Normalität des nationalen Sonderwegs« behauptet, dass auch der »deutsche Sonderweg«, der streng genommen gar keiner sei, da letztlich jede Nation »egal ob Britisches Empire, USA oder Deutsches Kaiserreich« ihren »eigenen Sonderweg« in der Entwicklung des Weltmarktes genommen habe, »nicht aus der Geschichte der kapitalistischen Entwicklung« herausfalle und bloß »eine – wenn auch bemerkenswert menschenverachtende – Variante der Verarbeitung der Konfliktlagen der kapitalistischen Weltmarktkonkurrenz« sei.

Bemerkenswert auch der explizit gemachte Antiintellektualismus der, ihr Fußvolk gerne im Schlägermilieu Frankfurter Hooligankreise rekrutierenden und auch bislang eher durch das Anzünden von Mülltonnen als durch ausgefeilte theoretische Positionen aufgefallenen, Antifagruppe: Die Antideutschen sind für sie in der »Dachkammer ihrer Intellektualität« hockende »Fans der reinen Theorie«, deren Debatten »endlos um sich selbst kreisen« und deren »lebenslanges Lernen« Ausfluss eines »neoliberalen Imperativs“ sei. Dieser ungelenke Versuch, theoretische Arbeit als überflüssig abzutun und die interessierte Verwechslung von dumm-bleiben-wollen mit einer Kritik des Neoliberalismus, erstaunen nicht, müssen doch diejenigen Menschen, die angesichts der deutschen Zustände breiten Volksbewegungen skeptisch gegenüberstehen, denjenigen, die mit »Um’s Ganze« und der sinnbefreiten Parole »Staat.Nation.Kapital.Scheiße.« gerade den Schulterschluss mit Masse, Pöbel und Mob suchen, naturgemäß suspekt erscheinen.

Genausowenig wie »Um’s Ganze« und ihr Frankfurter Ableger in der Lage sind, die Marx’sche Wertformanalyse, geschweige denn den Fetischcharakter der Ware auch nur im Ansatz zu begreifen – nicht umsonst wimmelt es in der Um’s-Ganze-Broschüre von unverstandenen Worthülsen wie »Konkurrenz«, »Weltmarkt« und »Gewalt« und werden regelmäßig, als praktische Konsequenz einer verkürzten Kapitalismuskritik, die »Bonzen« beim Frankfurter Opernball angegriffen –, ist die Antifa [f] willens und in der Lage, zu erklären, inwiefern Auschwitz eine »Variante der Verarbeitung der Konfliktlagen der kapitalistischen Weltmarktkonkurrenz« sein soll und warum die Vernichtungslager in Deutschland und nicht etwa in den USA oder dem »Britischen Empire« errichtet wurden. Stattdessen ist verniedlichend von »Exzessen des Nationalsozialismus« die Rede und von wahren »Linken« als Leuten, »die auch dann noch ein Problem mit der Gesellschaft haben, wenn auch noch der Letzte die Formel von der ›besonderen Verantwortung gegenüber Israel‹ runterbeten kann.« Ãœber das »Runterbeten der besonderen Verantwortung gegenüber Israel« wetternd, können diese »Antifaschist_innen« sicherlich auch an jedem x-beliebigen deutschen Stammtisch punkten und Applaus dafür ernten, wenn sie von der bösen Weltmarktkonkurrenz faseln. Zwar ist man vorerst noch – ohne indes genau zu wissen warum eigentlich – »antinational«, doch stehen diese »Antifas« dem dikursiven Mainstream bedrohlich näher als sie denken: »Dass trotzdem immer noch probiert wird, […] die ganz besondere Bosheit des ›eigenen‹ Nationalismus im Kontrast zu besser begründeten Nationalismen anderswo zu behaupten, gleichwohl auf ein reales Problem«, walsert es düster. Antideutsche sind aber wohl in erster Linie deshalb für die schlaumeiernden »Um’s Ganze« Strateg_innen ein Problem, da sie im Verdacht stehen, mit der »Auschwitzkeule« systematisch alle mühsam zusammengeschusterten Arbeits- und Organisationsprozesse ihrer herbeihalluzinierten neuen linken Massenbewegung bösartig zu hintertreiben.

Folgerichtig wenden sich diese neunmalklugen »Antinationalen« auch scharf gegen das Zeigen der Fahnen der alliierten Sieger über Nazideutschland und des als Konsequenz des deutschen Vernichtungsantisemitismus entstanden Staates Israel. Ganz unabhängig davon, dass das Zeigen dieser Fahnen in Deutschland überhaupt nichts mit einer »Identifikation« mit diesen Staaten zu tun haben muss, vielmehr als symbolische Konfrontation der Deutschen mit ihrer Geschichte zu verstehen ist, ist die Rede vom »alternativen Nationalismus«, der in einer Solidarisierung mit Israel zum Ausdruck komme, bezeichnend: Hier wird die Verteidigung des Staates der Überlebenden der Shoa mit dem Abfeiern des Rechtsnachfolgers des Dritten Reiches umstandslos gleichgesetzt. Für Antinationale diesen Schlages ist eben Nation gleich Nation und Israel in letzter Konsequenz auch nicht besser oder schlechter als Deutschland. Opfer und Täter_innen werden in dieser sich besonders kritisch wähnenden Pose (»wir sind doch gegen alles und alle«) immer unkenntlicher und ganz nebenbei wird dabei die deutsche Nation – ganz ohne sich explizit positiv auf sie beziehen zu müssen – durch das ihr von links zugewiesene Attribut, genauso »scheiße« zu sein wie alle anderen, linkskompatibel entschuldet.

So funktioniert der deutsche Normalisierungsdiskurs – spiegelbildlich zu dem von Walser und der CDU – auf antinational-links: Wir sind zwar gegen alle Nationen, spricht die Antifa [f], aber möchte hiermit vor aller Welt erst einmal zu Protokoll geben, dass unsere Nation, Deutschland, wenigstens nicht schlechter ist als alle anderen Nationen, schon gar nicht »boshaft«, wie es manch ewiggestrige Antideutsche mit ihrem »lieb gewonnen Verweis auf [Deutschlands] besonders schreckliche Vergangenheit« meinen. Zuguterletzt kann die Antifa [f] dann, ohne das Potential antisemitischer Erklärungen und völkischer Konzepte in einer sich zuspitzenden Krise der kapitalistischen Akkumulation überhaupt in Erwägung zu ziehen, »entspannt« Entwarnung geben und verspricht vollmundig: »So wenig erfolgversprechend sind momentan alle Versuche einer umfassenden Wiederbelebung des völkischen Nationenkonzepts.« Da haben wir ja noch mal Glück gehabt. Aber wenn von den, das völkische Nationenkonzept ja an vorderster Front vertretenden, Neonazis offenbar keine Gefahr mehr droht, sollten sich die Autonome Antifa [f], ihr Kölner Klon und alle diesen reaktionären Unfug unterstützenden Antifagruppen ehrlicherweise schleunigst auflösen.

(Alle Zitate aus: Autonome Antifa [f] und AK Antifa Köln: »Gegen Deutschland helfen keine Gedichte«, September 2009)

sinistra! antagonistische assoziation

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1) Stellungnahme antifa saar

2) Stellungnahme neocommunistinnen