DEUTSCH IN KALTLAND

„Ist das deine Fahne?“

In der Nacht vom zweiten auf den dritten Oktober 2008 – dem deutschen Nationalfeiertag – fand in Frankfurt eine Nachttanzdemo unter dem Motto „Deutschland den Schlaf rauben, die Verhältnisse zum Tanzen bringen“ statt. Nachdem sich der übliche deutsch-linke Mob im letzten Jahr darauf beschränkt hatte, jenseits öffentlicher Diskussionen gegen die „antideutsche Nachttanzdemo“ zu hetzen, kam es dieses Jahr zu verbalen und physischen Ãœbergriffen gegen die Träger_innen einer mitgeführten Fahne des israelischen Staates. Unter den Angegriffenen befanden sich auch Genoss_innen befreundeter Gruppen.

„Wenn du die Fahne nicht runternimmst, wird das hier echt schräg für dich!“

Lässt sich bei einer Kritik am Tragen einer israelischen Fahne mit einigem Wohlwollen noch Dummheit und/oder Unwissenheit unterstellen, ist ein gewaltsamer Angriff auf die Träger_innen derselbigen Ausdruck eines antisemitischen Weltbildes. Wem als Deutsche_r nach der Shoah und angesichts des nach wie vor bestehenden Judenhasses weiter Teile der deutschen Bevölkerung nichts besseres einfällt, als ausgerechnet die Symbole des als Konsequenz des deutschen Massenmordes gegründeten jüdischen Staates anzugreifen, stellt sich bewusst in die Tradition des deutschen Antisemitismus. Das bloße Lippenbekenntnis vorgeblicher Antifaschist_innen, dass ein derartiger Antisemitismus „natürlich“ abzulehnen sei, reicht dabei allerdings keineswegs aus: „Eine Kritik am Antisemitismus, die keinerlei Konsequenzen hat, erinnert an jene konservativen Innenminister, die vor brennenden Flüchtlingsheimen stehend, ‚Fremdenfeindlichkeit aufs schärfste verurteilen‘.“¹

Nicht gewalttätig angegriffen wurden, ganz im Gegensatz zu den israelsolidarischen Genoss_innen, die verschiedenen Idiot_innen, die es auch 2008 noch für chic oder gar politisch richtig halten, mit einem palästinensischen Terrorsymbol um den Hals gewickelt herumzulaufen. Verwundern tut dies indes nicht: fehlt doch auf Seiten derer, die den antisemitischen Lappen kritisieren, der antreibende Wahn, um Menschen die nicht in ihr Weltbild passen einfach verprügeln zu wollen.

Dass es hier keineswegs wie oft behauptet um eine Ablehnung des Tragens von Nationalflaggen im Allgemeinen sondern um das Tragen der israelischen Flagge im Besonderen geht, ist offensichtlich: Niemand aus den Reihen dieser antisemitischen altlinken Bande käme beispielsweise auf die Idee, Träger_innen einer baskischen, palästinensischen, kubanischen oder tibetischen Flagge mit Faustschlägen von ihrem Tun abbringen zu wollen. Deutsche Antisemit_innen hatten und haben eben – lechts wie rinks – ihre nationalistischen Vorlieben.

„Jetzt reicht’s! Nimm das Scheißding runter!“

Statt nun die naheliegende Konsequenz aus diesen in einer unrühmlichen Frankfurter Tradition stehenden antisemitischen Übergriffen zu ziehen und die unbelehrbaren Angreifer_innnen ein für alle Mal aus allen sich emanzipativ verstehenden Zusammenhängen und Räumen auszuschließen, wird wieder einmal vor allen über verbale Distanzierungen hinausgehenden Konsequenzen zurückgeschreckt und sich in der bewährten Strategie der Ablenkung und des Aussitzens geübt. Mal wird scheinheilig darüber gerätselt, warum die Angreifer_innen aus der Unterzahl heraus agiert hätten – ein Verhalten übrigens, das keineswegs erstaunen muss, ist doch wahnhaft-irrationales Verhalten antisemitischen Überzeugungstäter_innen alles andere als fremd. Ein anderes Mal wird darauf verwiesen, dass es sich bei den Angreifer_innen um altverdiente Genoss_innen handele, die wichtige Arbeit in verschiedenen Projekten erledigten. Ein Umstand, der bei Lichte betrachtet alles eher nur noch schlimmer macht, sollte man doch gerade bei erfahreneren erwachsenen Menschen ein Mindestmaß an politischem Reflexionsvermögen und die Fähigkeit zur argumentativen statt gewaltförmigen Konfliktbewältigung voraussetzen können. Mit Ausflüchten und Untätigkeit werden wir uns jedenfalls nicht zufrieden geben und beharrlich Konsequenzen einfordern.

Deshalb hier unsere Minimalforderungen:

  • Keine Toleranz gegenüber Antisemit_innen!
  • Die Angreifer_innen müssen bis auf weiteres Hausverbote in allen sich emanzipatorisch verstehenden Räumen bekommen!
  • Die entsprechenden Personen dürfen auf emanzipatorischen Demos nicht länger geduldet werden, sondern müssen von den entsprechenden Demoleitungen zum Verlassen der Demonstration aufgefordert werden!

sinistra! antagonistische assoziation

¹ Das Zitat stammt aus dem Papier „Basisbanalitäten“, welches 2004 anlässlich gewalttätiger Übergriffe auf israelsolidarische Antifaschist_innen veröffentlicht wurde.